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Casino Royale

Casino Royale
action-thriller , gb/usa 2006
original
casino royale
regie
martin campbell
drehbuch
neal purvis, robert wade, paul haggis
cast
daniel craig,
eva green,
mads mikkelsen,
judi dench,
giancarlo giannini, u.a.
spielzeit
141 Minuten
kinostart
23. November 2006
homepage
http://www.casinoroyale-derfilm.de
bewertung

8 von 10 Augen

Die Debatte, ob Pierce Brosnan noch einmal die Rolle des berühmtesten Agenten der Welt spielen oder wer sein Nachfolger werden solle, war lang und abwechslungsreich, mit einer faustdicken Überraschung am Ende, welche die Puristen der Serie laut aufschreien ließ: Mit Daniel Craig sollte erstmals ein blauäugiger Blondschopf den bisher immer adrett dunkelhaarigen James Bond spielen; Craig, der eher den machohaften, herben Charme eines Dockarbeiters versprüht als die englisch-etablierte Gentleman-Attitüde des Meisterspions.
Lassen wir die Puristen jammern. Die Neu-Besetzung mit Craig war ein richtiger, wichtiger und sehr kluger Schritt für die Köpfe hinter der Bond-Reihe, denn trotz höchst zufrieden stellender Bilanzen des letzten Ablegers "Stirb an einem anderen Tag" ließ sich nicht leugnen, dass die Serie sich festgefahren hatte. War die Figur Bond als Relikt des Kalten Krieges schon Anfang der 90er akut vom Aussterben bedroht, hatte sich inzwischen das Genre am einstigen Vorbild vorbei entwickelt, und die gigantomanischen Weltbedrohungs-Szenarien der letzten Teile mit ihrem "Größer, Lauter, Abgefahrener"-Motto (bis hin zu einem Hauptquartier aus Eis und unsichtbaren Autos) schienen nur noch mit lautem Krach zu kaschieren, dass die Reihe in kreativem Stillstand verharrte. "Casino Royale" ist ein radikaler Schnitt, der nicht weniger als eine Neugeburt James Bonds versucht - und damit erfolgreich ist.

Den "Alles wird anders"-Neuanfang markiert bereits die traditionelle Eröffnungssequenz, die mit dem Markenlogo-artigen Pistolenschuss aufs Publikum nicht beginnt, sondern endet, und in harten Schwarz-Weiß-Bildern einen eiskalt und brutal agierenden Bond zeigt, der hier die ersten zwei Morde mit seiner Lizenz zum Töten begeht. "Casino Royale" war ursprünglich der erste Roman von Bond-Erfinder Ian Fleming, und der Film ist nur konsequent darin, somit auch die interne Chronologie der Reihe zurück auf Null zu stellen: Der neue Bond wird geboren mit dem allerersten Fall des Doppelnull-Agenten.
Nach der Vorspann-Sequenz (mit einem wenig eingängigen Titelsong, diesmal von Chris Cornell) folgt eine ausgedehnte, extrem spektakuläre Verfolgungsjagd zu Fuß, an deren Ende Bond kaum mehr als vier Dialogsätze hatte, sein Charakter aber schon bestens vorgestellt wurde: Es gibt sicher Leute, die schneller sind als er, aber niemand ist härter oder cleverer. Stilvoll hingegen kommt er nicht unbedingt rüber, und das wird sich auch über weite Strecken des Films nicht ändern: James Bond á la Daniel Craig ist eine knallharte, arrogante und latent gefühlskalte Maschine, die ihren Job erledigt - koste es, was es wolle. Geheimdienstchefin M (Judi Dench, wieder einmal mit einigen großartigen Dialogen gesegnet) bezeichnet ihn an einer Stelle als Schläger - und trifft damit den Nagel ziemlich auf den Kopf.

Und worum geht's jetzt eigentlich in "Casino Royale"? Mit der Antwort auf diese Frage lässt sich auch der Film selbst ziemlich viel Zeit, denn die von großartigen, schnellen und überraschend ausdauernden Action-Sequenzen dominierte erste Stunde widmet sich fast ausschließlich der Etablierung der neuen Bond-Figur, bevor die Handlung endlich richtig einsetzt. Bond ist den Machenschaften des Bankiers Le Chiffre (Mads Mikkelsen) auf die Schliche gekommen, der das Vermögen verschiedenster Terrorgruppen verwaltet und sich mit diesem Kapital dank Bond nun ein wenig verspekuliert hat. Als genialer Mathematiker und Poker-Spieler veranstaltet Le Chiffre deshalb ein exklusives Turnier mit gigantischen Einsätzen, um mit dem Gewinn seine Bilanz auszugleichen. Bonds Aufgabe: In das Turnier einsteigen, gewinnen, und so dafür sorgen, dass die einzige Überlebenschance des Bankiers ist, beim Geheimdienst über seine Kunden zu plaudern, bevor diese ihn für seine Kapitalvernichtung lynchen. Bond zur Seite stehen dabei der lokale Agent Mathis (Giancarlo Giannini, "Hannibal") und die Vertreterin des britischen Schatzamtes Vesper Lynd (Eva Green, "Die Träumer", "Königreich der Himmel"), die darauf achten soll, dass Bond nicht durch Unvorsichtigkeit zu viele Steuergelder in die Finanzierung des weltweiten Terrors investiert.

Das klingt für Bond-Verhältnisse alles andere als aufregend. Doch dieses Downsizing von den Weltvernichtungs-Plänen wahnwitziger Über-Bösewichter zu einem in die Enge getriebenen, für den Weltfrieden höchstens indirekt gefährlichen Gegenspieler geschieht hier mit voller Absicht. Nein, diesmal keine gigantischen Szenarien, welche die hohle Geschichte und die standardisierten Figuren verdecken sollen. Die relativ "kleine" Story lässt Raum für die Charaktere, die für Bond-Verhältnisse ungewöhnlich komplex ausgefallen sind.
Das gilt auch und vor allem für Vesper Lynd alias Eva Green, mit der es nach vielen vergeblichen Versuchen endlich gelungen ist, aus einem "Bond girl" einen gleichwertigen Gegenpart und nicht bloß ein Bikini-Vorführmodell zu machen. Die Beziehung zwischen Bond und Vesper steht dann auch im Zentrum des Films und verdrängt Bösewicht Le Chiffre deutlich aus dem Fokus. Was aber sicher nicht schadet: Als sinistre, leicht unheimliche Präsenz ist der gelegentlich aus den Augen blutende Le Chiffre durchaus wirksam, und für viel mehr wird er hier auch nicht benötigt.
Das Pokerspiel im titelgebenden Casino (das exotischerweise in Montenegro liegt) und die dortigen Ereignisse nehmen den Großteil der zweiten Filmstunde ein, und in deren Verlauf wird dann auch klar, warum die Filmemacher die einführende erste Hälfte so dermaßen mit Action voll gestopft haben. Für viel Spektakel bietet sich hier nämlich kaum Gelegenheit, und die (durchaus sehr gefährlichen) Attacken auf Bonds Leben spielen sich in einem weitaus kleineren Rahmen ab, als man es erwarten würde. Wohin mit seinen Erwartungen weiß man spätestens gegen Ende sowieso nicht mehr, wenn man eine Viertelstunde vor Schluss im Kinosaal sitzt und wirklich keine Ahnung hat, zu was für einem Showdown der Film kommen wird. Und ja, wir reden hier immer noch von einem Bond.

Mit welch geradezu provokanter Missachtung "Casino Royale" seinen eigenen Traditionen begegnet, macht schon eine einzige Szene klar: Bond geht zur Bar und bestellt einen Wodka Martini. Soweit, so gut. Der Barmann fragt: "Geschüttelt oder gerührt?" Antwort Bond: "Seh' ich so aus, als ob mich das interessiert?". Alles, was bisher unumstößlich Bond war, stand hier zur Disposition, und Vieles hat den radikalen Schritt nicht überstanden: Hier gibt es keine Miss Moneypenny und auch keine neuen Spielzeuge von Q, kein süffisantes Lächeln und kein stilvolles Töten, das in einem Bond noch nie so brutal und schmutzig war. Die Einflüsse der "Bourne"-Filme sind spätestens hier unverkennbar, und mit "Casino Royale" wird offensichtlich der Versuch unternommen, die Bond-Reihe in eine ähnliche Richtung zu lenken: Hin zu einer komplexeren Hauptfigur, hin zu mehr Realismus. Mit Daniel Craig hört James Bond (zumindest für diesen Film) auf, ein unzerstörbarer Anzug-Snob zu sein, und bekommt eine neue Erdung im schmutzigen und finsteren Geschäft der Top-Spionage.

Trotz einer Vielzahl mutiger und vor allem gelungener neuer Ansätze ist "Casino Royale" doch spürbar zu lang geraten und hätte auch 15-20 Minuten weniger vertragen. Dass der Film trotz seiner Unausgewogenheit und der (für einen Actionfilm) ungewöhnlichen dramaturgischen Struktur dennoch durchgehend unterhält, ist auch dem hervorragenden Drehbuch und den spitzzüngigen Dialogen zu verdanken. Diese stammen vermutlich zu nicht geringen Anteilen von Paul Haggis ("L.A. Crash", "Million Dollar Baby"), der die derzeitigen Stamm-Bond-Autoren Neal Purvis und Robert Wade in der Schlussphase der Buchentwicklung unterstützte. Ebenfalls einen sehr guten Job macht Regisseur Martin Campbell, der in "GoldenEye" schon einmal einem neuen Bond auf die Sprünge helfen durfte.

Und Craig? Er liefert eine einwandfreie, teils bemerkenswerte Vorstellung ab, aber der springende Punkt für ihn wird ohnehin nicht seine schauspielerische Leistung sein (ein bisschen weniger Lippen-Geschürze hätte es schon sein dürfen), sondern ob die Zuschauer den auf ihn maßgeschneiderten neuen Bond akzeptieren. Und es wäre traurig, wenn sie das nicht tun. "Casino Royale" ist nicht frei von Schwächen, aber ohne Frage die ambitionierteste und konsequenteste Neuausrichtung, die James Bond je erlebt hat. Der berühmteste Agent der Welt ist endlich im 21. Jahrhundert angekommen. Davon bitte mehr.

Frank-Michael Helmke

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